Lizenzierter Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Von StephanFinsterbusch und Andreas Pein(Fotos)
Veröffentlicht am 14.04.2026, 11:04 Lesezeit: 5 Min.
Der frühere Dachdecker Martin Flechsig hat eine sehr unwahrscheinliche IT-Karriere hingelegt. Heute setzt er sich für den deutschen digitalen Mittelstand ein.
Er nennt sie Triggerpunkte – und von denen hat erschon einige durchlebt: Zu Zeiten des Mauerfalls und der Wende im Osten, als er einen ersten Computer erhielt und seine ersten Programme schrieb; zuZeiten seines Wehrdienstes bei den Gebirgsjägernin Garmisch, als er sah, was im Westen Deutschlands alles möglich ist; zur Jahrtausendwende, als er nochmal eine Lehreantrat, sich zum IT-Elektroniker ausbilden ließ und dann eine erste Anstellung fand. Und schließlich, als er auf eigene Rechnung zu arbeiten begann.
„Und jetzt bin ich wieder getriggert“,sagt Martin Flechsig. Zeitenwende und digitale Souveränität treiben ihn um– und auf die Palme. Heute aber treiben sie ihn erst mal aus dem Stuhl. Ziemlich am Ende eines langen Gesprächs am Vormittag wird er vom Tischaufstehen, zum großen Fenster seinesBüros gehen und mit dem Finger aufeinen kleinen Punktin der Ferne zeigen. Vor ihm liegt die Auffahrt einer sechsspurigen Autobahn. Links geht es nach Halle,rechts nach Dresden. Flechsig ist mittendrin und blickt zum Horizont.
Eine der steilsten Karrieren seiner Branche
„Sehen Sie dort hinten im Gewerbepark die kleine Ecke hinter dem großenWerbeschild?“,fragt er und wartet gar nicht erst auf eine Antwort. „Die gehört zueinem unserer drei Rechenzentren.“Die anderen beiden stehen im Westen. Eins inHannover und eins in Frankfurt. Hier, an der A 14 im gewerbeträchtigen Leipziger Norden, ist Flechsig fest verwurzelt. Hier fühlt er sichwohl, hält er seine Firma auf Kurs, hat er seine Zentrale errichtet. Und hierlegte er eine dersteilsten Karrieren inder deutschen Digitalwirtschaft hin: vom Dachdecker zum IT-Boss.
„Ich komme faktisch aus dem Nichts“, sagt er. „Ich hatte keine tollen Schulen, keine besonderen Abschlüsse, keine großen Referenzen. Ich war Dachdecker und vielleicht nicht mal sehr klug. Aber ich konnte schnell und logisch denken. Also fing ich einfach mal an, das zu machen, was mir gefiel.“ Alles, was er besessen hatte, waren ein Ziel, ein Traum und viel Disziplin. „Und wenn du ein Ziel zu deinem Traum machst und ihn beharrlich verfolgst, kannst du ihn auch erreichen.“ Flechsig sagt: „Glück ist bezwingbar.“
„Wir suchen neue Leute“
Sein Unternehmen ist die Mitteldeutsche IT GmbH (MIT), sein Metier Clouddienste und Computerlösungen. Sein Angebot: Vermietung von Hard- und Software. Die Kunden sind Systemhäuser und Kommunen, Service- und Industriebetriebe, der klassische unternehmerische Mittelstand. Der Jahreserlös der MIT liegt im ordentlichen zweistelligen Millionenbereich. Die Mittelzuflüsse finanzieren das Wachstum. Die Zahl der Mitarbeiter steigt – auf mehr als 150.
Im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen um mehr als hundert Prozent gegenüber dem Vorjahr zugelegt. „2026 ging so los, wie 2025 endete“, sagt Flechsig. „Wir wachsen, wir expandieren, und dafür suchen wir neue Leute.“ Andere entlassen, er stellt ein; andere sehen die deutsche Wirtschaft vor dem Aus, er sieht sie in einer Bewährungsprobe. „Ich glaube das Märchen vom Industriemuseum Deutschland nicht“, sagt er.
„Ja, das Land ist in der Krise. Ja, wir müssen uns strecken. Wir können das auch, denn wir haben gute Leute.“ Flechsig bietet digitale Infrastruktur per Mausklick. Er hat nicht nur eigene Programme schreiben, sondern auch seine eigenen technischen Plattformen entwickeln lassen. Alles aus eigener Hand, sicher und einfach zu bedienen. Ein sogenanntes Kubernetes-Open-Source-System, das die Automatisierung, Skalierung und Verwaltung spezieller Software ermöglicht. Er spricht von Containern, Normen und Standards, Flexibilität, Strukturen und Prozessen, Rund-um-die-Uhr-Betreuung, Transformations- und Integrationsdiensten. „Wenn heute jemand erklärt, ohne die Amerikaner geht es in der IT nicht, dann muss ich sagen: Doch, es geht!“
Eine Unternehmer-Lehre fürs Leben
Das könne der deutsche digitale Mittelstand beweisen. Nur: Er werde oft übergangen oder gar nicht erst gefragt. Die Bundeswehr setzt für ihre Cloud auf Google, die Bundesverwaltung auf Microsoft, die Sicherheitsdienste von vier der fünf größten deutschen Bundesländer auf die Analysetools der US-Firma Palantir. „So wird das nichts mit der digitalen Souveränität“, sagt Flechsig – und das triggert ihn. Auf dem deutschen IT-Markt werden im Jahr mehr als 150 Milliarden Euro umgesetzt, ein Gutteil fließt nach Übersee. „Das geht auch anders“, sagt Flechsig. Er zeigt wieder auf den kleinen Punkt am Horizont. Dann geht er quer durch den Raum und stellt sich vor einen Wandbildschirm.
Ein Touchscreen im XXL-Format. Zwei Meter lang, einen Meter hoch. „Wir bauen uns mal eine kleine Cloud“, sagt er. Durch ein paar Handbewegungen lässt er ein Bedienmenü und ein paar Grafiken im Bildschirm aufleuchten. Eine Auswahlleiste und die Abbilder von zwei Computerschränken. Wie bei einem Videospiel zieht er aufgelistete Symbole in die virtuellen Schränke: Die Zeichen für Prozessoren und Speicher, KI-Agenten, Datenbank- und Sicherheitssysteme wandern über den Bildschirm. Klick für Klick bestückt Flechsig seine Datenwolke.
„An der Entwicklung des Systems haben wir sechs Jahre gearbeitet“, sagt er. Es kostete nicht nur viel Zeit, sondern auch viel Geld. „Wir standen öfters am Abgrund.“ Eigenkapitalgeber sind hierzulande rar und Kredite sehr teuer. Banken wollen vor allem eins: Sicherheit. „Und wenn du die nicht hast, bist du ganz auf dich gestellt.“ Das sei oft hart gewesen. „Aber von heute aus betrachtet, war das eine gute Schule.“ Warum? „Weil du lernst, Prioritäten zu setzen und Ressourcen zu verteilen.“ Eine Lehre fürs Leben.
Sein Ziel: „Kunden den Himmel auf Erden zu holen“
„Ich habe nach der neunten Klasse die Schule verlassen und Dachdecker gelernt“, sagt Flechsig. „Eine schwere Arbeit, die mir keinen Spaß machte. Ich ging zur Armee und setzte mich danach noch mal auf die Schulbank und lernte bei Robotron den Beruf des IT-Systemelektronikers. Computer waren mein Ding. Als Kind habe ich gern vor dem Rechner gesessen, Speicherbelegungen gemanagt, mit Zeichencodierungen herumgespielt, Festplatten auseinander- und wieder zusammengebaut.“ Nach dem Abschluss arbeitete er als Administrator, stattete Autohäuser mit IT-Systemen aus, ersetzte alte Techniksysteme durch neue, lernte dabei auch viel über Vertrieb, Verkauf und Buchhaltung.
„So habe ich gesehen, wie Unternehmen von innen funktionieren. Im Grunde wie eine Maschine“, sagt er. Jede Funktionalität brauche ihr eigenes Rädchen, und alle Rädchen müssen reibungslos ineinandergreifen. Während der Weltfinanzkrise ging Flechsig mit einem IT-Support in die Selbständigkeit. Ein gewagter Schritt. „Ich setzte auf Risiko, knüpfte kleine Funknetze, setzte Antennen und verlegte Datenkabel.“ Aus der Personen- wurde eine Kapitalgesellschaft: zwanzig Mitarbeiter, volle Auftragsbücher und ein Plan für die Zukunft.
„Wir kannten die Schwächen der verbauten Fremdsysteme und wussten, was die Kunden stattdessen wollten.“Die Gewinne der Tagesgeschäfte flossen nach Abzug allerKosten in die Entwicklung eigener Dienste und Programme.„Das klingt heute leichter,als es damals war. Aber wenn du ein Produkt oder einen Service selbstentwickelst,musst du die Ansprüche und Wünsche deiner Zielgruppe genau kennen – und dann musst du volle Kanne liefern. Denn für was sind Unternehmen da?“,fragt er und schiebt die Antwort gleichhinterher:„Um dem Kunden den Himmel aufErden zuholen.“
Die Mitteldeutsche IT ist ein Internet- und Cloudanbieter aus Leipzig. Sie wurde 2012 gegründet, firmiert seit etwa zehn Jahren als GmbH. Sie setzt auf Technik aus Deutschland und für Deutschland, unterhält eigene Rechenzentren, entwickelt eigene Anwendungsprogramme und hat höchste Sicherheitszertifikate. Sie bedient mittlerweile mehrere Hundert Systemhäuser, aber auch Kommunen und große Mittelständler. Das Unternehmen wächst rasant, sucht derzeit neue Mitarbeiter und kommt inzwischen auf einen Jahresumsatz im zweistelligen Millionenbereich.
Martin Flechsig hat wohl einen der steilsten Entwicklungspfade in der deutschen Digitalwirtschaft genommen. Der gelernte Dachdecker hat sich nach Wehrdienst und Wanderjahren bei Robotron zum IT-Systemelektroniker ausbilden lassen, sammelte reichlich Erfahrung in der Praxis und machte sich schließlich mit einer eigenen Unternehmung selbständig. Er liest viel in Unternehmerbiographien wie denen von Würth, Bosch und Siemens, mag Sport – und ist einer der Organisatoren des Leipziger Festivals „Fly with me“ für elektronische Musik.
Branchen-Aufsteiger: Es geht in IT auch ohne Amerikaner | FAZ
Quelle: F.A.Z.
Stephan Finsterbuch
Redakteur in der Wirtschaft.
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